Die Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen holte „Fremdistan“ nach Marl: einen Escape Room, der Flucht real erlebbar machte. Die Wirkung des Projekts bleibt.
An einem grauen Novembermorgen stehen fünf Mitarbeitende der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen in einem schmalen Flur der „insel“, der Hauptstelle der VHS Marl. Sie nehmen an einem besonderen Projekt teil: einem Escape Room, der Fluchterfahrungen nicht nur erklären, sondern körperlich spürbar machen soll.
Noch ehe jemand versteht, was passiert, fällt die Tür ins Schloss. Zwei junge Männer, eben noch freundlich, wechseln abrupt die Rolle. Sie reden auf Arabisch und Paschtu, fordern in scharfem Tonfall dazu auf, Schuhe und Handys abzugeben.
„Das war der Moment, in dem ich mich plötzlich nicht mehr richtig menschlich gefühlt habe“, sagt Annika, eine der Teilnehmerinnen, später.
Die Diakonie hat den Escape Room „Fremdistan“ nach Marl geholt, um solche Perspektivwechsel zu ermöglichen – und um erfahrbar zu machen, wie sich Entwurzelung und Kontrollverlust anfühlen können.
Unbekanntes Unbehagen
„Ich kenne diese Atmosphäre“, sagt Sascha Janz von der Integrationsagentur der Diakonie, der das Projekt organisiert hat. „Ich war selbst mehrfach beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und habe gesehen, was solche Termine mit Menschen machen.“ Lange Wartezeiten, Unsicherheit und Missverständnisse prägen viele Situationen im Asylverfahren.
Gerade deshalb wollte die Diakonie das Projekt nach Marl holen. „Wir wollten einen geschützten Raum schaffen, in dem Menschen spüren, wie schnell Orientierung und Sicherheit brüchig werden können.“
Nur im Team
Im ersten Raum erwarten die Teilnehmenden grelles Neonlicht, giftgrüne Wände und ein Stapel Formulare. Krächzende Ansagen schallen aus dem Walkie-Talkie, an die Wand hämmert es ungeduldig. Das Spiel dauert rund eine Stunde – und schnell wird klar: Teamarbeit ist die einzige Chance herauszufinden, was die Republik „Fremdistan“ von ihren Antragstellenden verlangt.
Im anschließenden Gespräch mit Tim Gonsch, Abteilungsleiter des Fachdienstes Flucht und Integration, und Tamin*, der vor drei Jahren selbst aus Afghanistan geflohen ist, wird das Erlebte eingeordnet. Auf die Frage, ob es wirklich so schlimm sei, antwortet Tamin:
„Nein. In Wirklichkeit ist es schlimmer.“
„Das ist es, was wir hier bewirken wollen“, sagt Sascha Janz. „Wir wollen, dass Menschen miteinander statt übereinander reden.“ Die rund 350 Teilnehmenden in Marl – Mitarbeitende der Diakonie, der Stadt und ganz normale Bürgerinnen und Bürger – konnten hier Vorurteilen begegnen.
„Es geht nicht, dass wir von einer Person auf eine ganze Gruppe schließen“, so Janz.
Was bleibt
Dreieinhalb Wochen lang war Fremdistan in Marl zu Gast. Dreieinhalb Wochen, die nachhallen. Das Projekt der Flüchtlingshilfe Bonn, ausgezeichnet unter anderem mit dem Deutscher Engagementpreis 2024, ist inzwischen weitergezogen.
Aber die Eindrücke bleiben: der Moment, in dem die gewohnte Sicherheit kippt. Der Moment, in dem Fremdheit nicht mehr abstrakt ist.
„So etwas vergisst man nicht“, sagt Annika. Und genau das war die Absicht.
Elper Weg 89
45657 Recklinghausen
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