Bürgermeister Thomas Terhorst spricht über sein Arbeitsprogramm für die Zukunft. Der 40-Jährige will in Marl vieles verändern und bewegen – und spürt trotz großer Herausforderungen eine Aufbruchstimmung in Stadt und Verwaltung.
Was sind Ihre Eindrücke im ersten Monat als Bürgermeister?
Viele haben gespürt, dass frischer Wind einzieht in der Verwaltung. Das ist genau das, was ich bewirken möchte: Leute motivieren und Aufbruchstimmung erzeugen, weil die Herausforderungen groß und sehr vielfältig sind.
Welches Thema drängt besonders?
Wenn mir Dezernenten oder Amtsleiter offenbaren, dass von drei Stellen nur eine besetzt ist, wird der massive Fachkräftemangel deutlich. Zum anderen lege ich großen Wert auf Digitalisierung – da haben wir Aufholbedarf. Mein erster Tag war gekennzeichnet von vielen Sitzungsmappen, die ich unterzeichnen durfte. Inzwischen ist manches neu organisiert, wie die jetzt komplett digitalen Ratsvorlagen.
Wie kritisch ist die Finanzlage?
Der Haushalt ist und bleibt defizitär. Selbst mit der Altschuldenhilfe und dem Sonderprogramm kommen wir nicht auf einen grünen Zweig. Wir können eigentlich nur darauf hoffen, dass sich die Wirtschaft wieder erholt. Aber wir müssen natürlich auch intern Kosten kontrollieren und schauen: Wo sind andere Städte günstiger oder auch besser? Da müssen wir konsequent ran. Zum Glück gibt uns das Infrastruktur-Sondervermögen zusammen mit den Landesmitteln aus dem NRW-Plan die Möglichkeit, mehr in Schulen, Kitas und OGS-Ausbau zu investieren. Gut die Hälfte der Mittel wird in den Bereich Bildung gehen.
Was setzen Sie als erstes um?
Es ist mir ein Anliegen, Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung zu verbessern – das beginnt mit herumstehenden Einkaufswagen, die wir nicht mehr tolerieren, und geht soweit, dass Orte wie der Busbahnhof von den Menschen wieder als sicher empfunden werden müssen. Deshalb möchte ich den kommunalen Ordnungsdienst in die Stadtmitte verlegen – damit wir sichtbar und ansprechbar für alle sind.
Was kommt auf den Prüfstand, das bislang als unverzichtbar galt?
Ich finde es immer wichtig zu reflektieren: Was kann ich, was können wir als Stadt besser machen? Es reicht nicht, nur auf Land und Bund zu verweisen. Bei der Rathaussanierung sollten wir den Fokus auf die Bauzeit legen – denn mit jeder weiteren Verzögerung wird es teurer, weil Baukosten und allgemeine Inflation steigen. Deshalb möchte ich mit meinem Team überlegen: Wo können wir schneller werden? Dabei könnte ab 2026 das neue Vergaberecht in NRW helfen, das Kommunen mehr Flexibilität bei der Auftragsvergabe gibt.
Dafür brauchen Sie Fachkräfte, die schwer zu finden und zu halten sind.
Das stimmt. Deshalb starten wir eine Mitarbeiterbefragung und strukturierte Personalgespräche, um herauszufinden: Wo ist die Unzufriedenheit hoch, was kann man tun, damit es besser wird?
Macht Ihnen der Chemiepark Sorgen?
Die Anlagen fahren derzeit nur auf 70 Prozent Auslastung, wobei 85 Prozent für Wirtschaftlichkeit notwendig wären. Hier muss dringend etwas geschehen bei den Energiekosten! Es ist wichtig, dass die Maßnahmen des Chemiepaktes NRW und die Forderungen unserer Region schnell umgesetzt werden.
Wo sehen Sie Chancen für Marl?
Wir haben das große Glück, dass wir zwei große Gewerbe- und Industriegebiete im Regionalplan haben: gate.ruhr ist schon in der Entwicklung, das Areal Schwatter Jans wollen wir vorantreiben. Ich glaube, damit sind wir schon sehr attraktiv für Unternehmen, weil wir noch Flächen haben. Zum anderen sind wir vergleichsweise gut aufgestellt bei Wohngebieten und haben noch Baugrundstücke, zum Beispiel am Loebrauck oder demnächst am Freerbruch. Aber da geht noch mehr – dafür wollen wir im nächsten Jahr eine Stadtentwicklungsgesellschaft gründen.
Was erwarten Sie von Marschall 66?
Wir haben dafür viel Geld investiert: Es gibt keine andere freiwillige Leistung in dieser Größenordnung. Ich sehe es als meine Aufgabe an, das Projekt voranzutreiben, damit es ein Erfolg wird. Was mir besonders wichtig ist: Marschall 66 muss die Breite der Bevölkerung erreichen.
Wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zur Bürgerschaft?
Sehr wichtig. Das wird einen Großteil meiner Zeit am Abend und am Wochenende einnehmen. Wir planen außerdem Stadtteilkonferenzen, um die Menschen zu informieren, welche Projekte bei ihnen vor der Haustür anstehen, und ihnen die Chance zu geben, sich selbst zu äußern, zum Beispiel in vorgeschalteten Bürgersprechstunden. Wir haben neue Bürgermeister-Kanäle auf Facebook und Instagram aufgebaut, die viel Zuspruch erhalten.
Wie erreichen Sie junge Menschen?
Ich bin weiterhin privat auf TikTok aktiv, weil ich die Plattform nicht allein extremistischen Parteien überlassen möchte, die dort sehr präsent sind. Als ich mich dort angemeldet habe, hatte ich den Eindruck, dass viele junge Menschen stark mit populistischen und rechtsextremen Inhalten konfrontiert werden. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass wir inzwischen ein Kinder- und Jugendparlament eingerichtet haben – ein Anliegen, für das ich mich bereits in meiner eigenen Jugend eingesetzt habe.
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