Lippe-Kompass: Fachtagung anlässlich des besonderen Jubiläums des Lippeverbandes in Hamm blickt auf Herausforderungen und Perspektiven der Wasserwirtschaft am längsten Fluss des Landes.
Die Lippe ist im rund 150 Kilometer langen Bereich ab Lippborg bis zu ihrer Mündung in den Rhein bei Wesel ein Gewässer erster Ordnung und gehört dem Land Nordrhein-Westfalen, das die Aufgabe der Gewässerunterhaltung jedoch an den Lippeverband übertragen hat. Viktor Haase, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW, stellt heraus: „Die einst stark belastete Seseke, ein Nebenfluss der Lippe, zeigt, was der Lippeverband erreicht hat: Heute nutzen viele Menschen die Wege am Ufer zum Radfahren und Spazierengehen. Mit dem Programm ‚Lebendige Lippe‘ gestaltet der Lippeverband im Auftrag des Landes auch die Lippe naturnah.“
Seit der Gründung des Verbandes 1926 hat sich die Welt rasant verändert: Wo früher der Bergbau die Region prägte, sieht sie sich heute mit Struktur- und Klimawandel neuen Herausforderungen gegenübergestellt. Wie der Weg in die Zukunft aussehen kann, skizzierte Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes, so: „100 Jahre Wasserwirtschaft an der Lippe bieten einen Anlass, zu reflektieren und gleichzeitig nach vorn zu schauen. Für uns steht in den kommenden Jahren der Vierklang Wasser, Wildnis, Wege und Wirtschaft im Fokus unserer Arbeit in der Region. Wir wollen den Fluss sicher und nachhaltig bewirtschaften, die Natur zurückgewinnen und schützen sowie die Lippe für Menschen erlebbar machen – und dafür braucht es eine starke Wasserwirtschaft. Diese vier W – Wasser, Wildnis, Wege, Wirtschaft – können wir allerdings nur in einer gut funktionierenden Demokratie erreichen. Auch dafür setzen wir uns als leistungsfähige öffentlich-rechtliche Institution ein.“
Prof. Dr. Frank Obenaus, Vorstand für Wassermanagement und Technik beim Lippeverband, ergänzt: „Als Lippeverband haben wir die Transformation der Region in den vergangenen 100 Jahren aktiv mitgestaltet – aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Unser Fokus in den nächsten Jahren liegt darauf, unterschiedliche Nutzungsinteressen in Einklang zu bringen, aktuelle regulatorische Vorgaben umzusetzen und die Qualität unserer Gewässer nachhaltig zu verbessern. Die Wasserwirtschaft befindet sich im Wandel, als Lippeverband werden wir die Entwicklung für die Menschen in unserer Region voranbringen.“
Natur, Lebensqualität und wirtschaftliche Strahlkraft
Bei der Fachtagung „Lippe-Kompass“ stellten verschiedene Expert*innen heraus, wie sich die ökologische Verbesserung, Lebensqualität und wirtschaftliche Strahlkraft der Region gegenseitig bedingen: Durch ihre ökologische Verbesserung gewinnt die Lippe nicht nur an Lebensqualität für die Menschen. Eine naturnahe Umgestaltung stärkt die Widerstandsfähigkeit der Lippe. Das stellt eine Grundvoraussetzung für die „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“ des Flusses dar und macht damit einen zentralen Standortfaktor aus.
Wie diese ökologische Verbesserung aussieht, zeigt beispielsweise die Renaturierung der Lippe bei Datteln und Olfen am Haus Vogelsang. Hier ist unter anderem eine neue Flussschleife entstanden, die der Lippe mehr Raum zum Ausufern gibt. Durch die naturnahe Umgestaltung hat der Fluss an dieser Stelle 450 Meter an Länge dazugewonnen, es wurde ein neuer Lebensraum für Pflanzen und Tiere geschaffen. Das ließ sich auch am „Tag der Lebendigen Lippe“ am Haus Vogelsang im Sommer 2026 nachvollziehen: Rund 950 Arten wurden von Forscherinnen und Forschern gezählt. Diese Ergebnisse zeigen, dass sich die Artenvielfalt in der Lippe gesteigert hat und die Renaturierungsmaßnahmen im Fluss-Auen-System gewinnbringend für die Biodiversität sind.
Nicht nur für die Tiere werden so neue Lebensräume geschaffen, der Lippeverband holt auch die Menschen ans Gewässer zurück: Auf der Fachtagung „Lippe-Kompass“ wurde deutlich, dass sich der Fluss auch als Sportstätte für Kanu- und Angelsport etabliert hat und sich auch in Zukunft als Naherholungsort weiterentwickeln wird. Die Radwege des Lippeverbandes, wie zum Beispiel der Seseke-Weg, der erst kürzlich in Teilen asphaltiert und damit wesentlich optimiert wurde, gewährleistet die Erleb- und Erfahrbarkeit der Gewässer für Touristinnen und Touristen.
Klimawandel als zentrale Herausforderung
Eine der größten Herausforderungen in der Zukunft ist der fortschreitende, menschengemachte Klimawandel, der mit einer Zunahme an Starkregen- und Hochwasserereignissen einerseits sowie Dürreperioden andererseits einhergeht. Wie mit dieser Herausforderung umzugehen und ihr zu begegnen ist, wurde ebenfalls beim „Lippe-Kompass“ diskutiert. Die Lippe klimaresilient zu gestalten ist das erklärte Ziel des Lippeverbandes und wird von den Fachleuten als alternativlos betrachtet. Die naturnahe Umgestaltung des Flusses ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Um eine nachhaltig klimarobuste Region zu schaffen, muss auch die Stadtentwicklung und das damit verbundene Schwammstadt-Prinzip mitgedacht werden: Dabei soll Regenwasser vor Ort versickern können und dem natürlichen Wasserkreislauf zugeführt werden. In der Zukunftsinitiative Klima.Werk setzt der Lippeverband gemeinsam mit den beteiligten Kommunen bereits entsprechende Projekte im Lippe-Gebiet um.
Auch das Hochwasserrisiko, das durch Extremwetterereignisse zunimmt, ist als Herausforderung für die Zukunft der Lippe beim „Lippe-Kompass“ diskutiert worden. Neben dem Neubau der Lippe-Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl (HaLiMa) – ein Großprojekt, dass der Lippe in Zukunft mehr Raum geben und so den Hochwasserschutz nachhaltig stärken wird – ging es auch um die Zusammenarbeit im Hochwasserfall. Durch den engen Austausch mit externen Partnern, Kommunen und Kreisen sowie der kontinuierlichen Weiterentwicklung eines Hochwasserinformationssystem für die Emscher-Lippe-Region wird die Lippe(-Region) auch in Zukunft im Krisenfall gut aufgestellt sein.
Der „Lippe-Kompass“ zeigt, wo der Weg hingeht: Der Lippeverband ruht sich nicht auf 100 Jahren Wasserwirtschaft aus, sondern nimmt die Herausforderungen, die dem längsten Fluss Nordrhein-Westfalens in Zukunft begegnen werden, an. Die Fachtagung hat verdeutlicht, dass es zwar noch viel zu tun gibt – die Lösungen, wie die Lippe resilient, zukunftssicher und noch lebenswerter gestaltet werden kann, werden vom öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsverband aber bereits umgesetzt.
100 Jahre Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde seinerzeit Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum unterhalb Lippborg bis zum Rhein bei Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.
EMSCHERGENOSSENSCHAFT UND LIPPEVERBAND
Kronprinzenstr. 24
45128 Essen
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